Jenseits von Unterricht und Lehrplan

Von: IST Austria

Was hast du diesen Sommer gemacht? Einige NachwuchswissenschaftlerInnen des Institute of Science and Technology Austria (IST Austria) haben eine ungewöhnliche Antwort auf diese klassischen Frage. In den vergangenen Jahren verbrachten vier DoktorandInnen und ein Postdoc mehrere Wochen ihres Sommers damit, Programme für Mathematikcamps in verschiedenen afrikanischen Ländern zu entwickeln und anschließend dort zu unterrichten.

Die Mathematikcamps werden von afrikanischen Organisationen vor Ort, zum Beispiel von der NGO „African Maths Initiative“ (AMI), oder der britischen Hilfsorganisation „Supporting Africa Maths Initiatives“ (SAMI) koordiniert. Diese Organisationen setzen sich dafür ein, eine Kultur der Mathematik in ganz Afrika aufzubauen und die dortige mathematische Gemeinschaft zu fördern und stärken. SAMI bietet insbesondere Unterstützung, Expertise und Finanzierung von lokalen Initiativen.

Ein Aspekt dieser Programme sind Mathematikcamps, die SchülerInnen und LehrerInnen mit neuen mathematischen Ideen in Kontakt bringen und sie abseits des Klassenzimmers dafür begeistern sollen. Für die TeilnehmerInnen dauern die Camps eine Woche, und bestehen aus täglichen Spielen, Rätseln, und Aktivitäten die um 8 Uhr morgens beginnen und bis 21 Uhr dauern. WissenschaftlerInnen des IST Austria arbeiten seit 2014 bei verschiedenen Camps in etlichen Ländern, darunter Kenia, Ghana, Äthiopien und Tansania, sowie bei Fundraisingcamps im Vereinigten Königreich.

“Für die Freiwilligen dauert die Teilnahme am Campprogramm zwei Wochen,” erklärt Zuzana Masárová, Doktorandin der Mathematik am IST Austria. „Während der ersten Woche arbeiten wir vor Ort mit einheimischen Partnern – etwa StudentInnen und Universitätsdozenten – und anderen internationalen Freiwilligen zusammen, um Ideen zu sammeln und Aktivitäten zu entwickeln und zu planen. In der zweiten Woche unterrichten wir!“ Dieses Jahr haben sich die WissenschaftlerInnen des IST Austria Aktivitäten zu einer Vielzahl von Themen ausgedacht: Geometrie, Programmierung, Kryptographie, Kombinatorik, Statistik und Modellierung, um nur einige zu nennen. Im Laufe der Woche bildeten die Camp-TeilnehmerInnen zum Beispiel einen menschlichen Computer, entwickelten ihre eigenen Geheimcodes (und versuchten, die von anderen zu knacken!), experimentierten mit Egoismus und Gesellschaft in einer Version des „Gefangenendilemmas“, programmierten einen Roboter, entdeckten neue Methoden zur Flächenberechnung und Aufzählung von Wegen. In manchen Camps präsentierten lokale MathematikerInnen auch ihre Forschung und diskutierten Karrieremöglichkeiten in der Mathematik. „Am Ende unseres Camps gingen die Kinder auf Schatzsuche,“ erzählt Iordan Ganev, ein Postdoc am IST Austria. „Um die Rätsel zu lösen und die nächste Station zu finden, mussten sie die Fähigkeiten verwenden, die sie erworben hatten.“ Nach Abschluss der Woche wurden die einheimischen LehrerInnen, die ebenfalls teilgenommen hatten, ermutigt, die Aktivitäten weiterzugeben und in ihren eigenen Schulklassen anzuwenden.

Flexibilität und Kreativität sind essentiell für den Erfolg der Woche, können einen die Camps doch vor unerwartete Hürden stellen. „Während einer Computer-Session ist der Strom ausgefallen,“ erinnert sich Georg Osang, ein Mathematik-Doktorand der Gruppe um Herbert Edelsbrunner am IST Austria. „Also haben wir uns spontan eine Outdoor-Aktivität zur Fibonacci-Folge ausgedacht.“

Zu den SchülerInnen ein Vertrauensverhältnis aufzubauen, insbesondere angesichts der Sprachebarrieren, war auch nicht immer leicht. „Der Start des Camps war hart,“ sagt Michal Rolinek, der 2017 am IST Austria graduierte. „Die Kinder waren so schüchtern und still – es brauchte eine Menge Lächeln, Freundlichkeit, und fröhliche Verrücktheiten von unserer Seite, um das zu ändern. Am Ende fingen sie aber spontan an, im Bus zu singen und zu tanzen!“

Es sind nicht nur die TeilnehmerInnen, die sich während der Woche verändern und wachsen – eines der Ziele des Camps ist das jeder lernt, auch die einheimischen und internationalen Freiwilligen. So erklärt Georg Osang zum Beispiel: „Ich lerne jedes Mal mehr – zum Teil durch meine eigenen Fehler sowie die von anderen – darüber, welche Methoden funktionieren, und welche nicht, um eine Session interaktiv und spannend zu machen.“

Iordan Ganev, der dieses Jahr zum ersten Mal dabei war, erzählt enthusiastisch über seine Erlebnisse – und denkt schon daran, auch im kommenden Jahr bei den Camps zu helfen. „Wenn du dich für Mathematik und Bildung begeisterst, solltest du auch mitmachen. Die Organisatoren sind immer auf der Suche nach guten Leuten!“ Michal Rolinek fügt hinzu: „Und da die Initiativen wachsen, werden auch die Möglichkeiten zur Beteiligung immer vielfältiger. Ich weiß selbst noch nicht, auf welche Weise ich mich weiter einbringen werde – aber ich will, dass ‚Mathe in Afrika‘ ein Teil meines Leben bleibt.“

Iordan Ganev ist ein Postdoc und arbeitet mit Tamás Hausel zusammen. Er verbrachte zwei Wochen des Sommers 2017 bei einem Camp am African Institute of Mathematical Sciences in Biriwa, Ghana. Zuzana Masárová ist im vierten Jahr ihres PhD-Studiums, und forscht mit den Gruppen um Edelsbrunner und Wagner. 2014 half sie bei der Organisation von Camps an der Bahir Dar Universität in Äthiopien, und 2016 am Manor House Agricultural Centre in Kenya. Georg Osang ist ein Student im dritten Jahr unter der Leitung von Herbert Edelsbrunner. Er half 2014 bei Camps in Ghana, 2015 und 2017 in Äthiopien , 2016 in Tansania und 2017 in London. Josef Tkadlec studiert unter der Leitung von Krishnendu Chatterjee Computerwissenschaften und ist im vierten Jahr seines Studiums. Er half 2016 beim Mathematikcamp am Manor House Agricultural Centre, in der Nähe von Kitale in Kenia.

Michal Rolinek ist ein Absolvent des IST Austria, der 2017 unter Leitung von Vladimir Kolmogorov promovierte. Gegenwärtig arbeitet er sowohl als Postdoc am Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme in Tübingen, Deutschland, als auch als Kryptograph bei Wickr, einem Start-up aus San Francisco, USA. Michal arbeitete diesen Sommers in zwei Camps– in Äthiopien und Ghana – sowie im Frühling in einem Camp in London.

 
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